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Dschibuti: Die Wüste und das Schweigen

Houssein Assamo | Stéphanie Billioud - Kergall | Chehem Watta: Dschibuti. Le Silence embrasé du désert, Éditions Discorama, Dschibuti, 2012

Ihr Bericht ist weder datiert, noch in Europa verfügbar. Er existiert nur in einem Fotoband der Éditions Discorama, einem Verlag in Dschibuti, der 2012 erschienen ist. Das Buch wurde mir von einem der Autoren, Chehem Watta, empfohlen, als ich ihn 2017 im Hotel am Platz des 27. Juni traf. In der Buchhandlung auf der anderen Seite des Platzes, der nach dem Unabhängigkeitstag benannt ist, war es vorrätig. Ich konnte es sofort zu kaufen und habe es nun bei mir in Leipzig, während es auf Amazon, Thalia oder anderen großen Plattformen des Westens nicht gelistet ist. Auch die Autorin, Stéphanie Billioud-Kergall, Journalistin, konnte ich fünf Jahre nach dem Erscheinen des Buches im Internet nicht mehr lokalisieren. Vielleicht hat sie geheiratet und einen anderen Namen angenommen.


Billioud-Kergalls Reise mit der Salzkarawane steht in einer Reihe mit den wenigen anderen, kostbaren Erzählungen, die Frauen über nomadische Lebensweisen geschrieben haben: Li Juans Winter Pasture über die kasachischen Hirten im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjian (erschienen 2021 bei Astra House), Irene Leverenz´ Der Kuhstall Gottes über die Dinka in Südsudan (erschienen 1994 im Trickster Verlag), Désirée von Trothas Die Enkel der Echse, Teil 1 und 2 über die Tuareg (2013 bei Cindigo), und in Teilen Jay Griffith` Wild (2008 bei Penguin Books UK). Wie andere nomadische Völker auch, ist die Lebensweise der Afar in Dschibuti und Äthiopien bedroht. Es ist eine Frage der Zeit - einige Jahre, eine Generation? - bis der Ausbau der modernen Infrastruktur, die Dürren aufgrund des Klimawandels und die industrielle Salzgewinnung die Nomaden in feste Siedlungen und Städte treiben. Oder über das Meer nach Europa.

Billioud-Kergall skizziert mit reichlich Witz und Selbstironie den in den Augen ihrer Umwelt absurden Wunsch, eine Salzkarawane durch die heißeste Senke der Welt zu begleiten. Den Kindheitstraum setzt sie ohne festen Plan in der Tasche um, indem sie ein Flugzeug nach Dschibuti Stadt besteigt, dort über mehrere Wochen verweilt und sich umhört. Sie findet Omar in der Zeltstadt Dittilou in der Nähe von Tadjourah, Rimbauds Wohnort, und verspricht ihm Reis, Tee und Kaffee zuzubereiten. Eine Woche später geht sie mit fünf Männern und sieben Dromedaren auf die Reise. Auf die sparsame Einkaufsliste der Karawanisten - ihre Aufgabe - hat sie in letzter Minute sechs Dosen Tomatensauce und zwei mit Ananas geschmuggelt.

Die Wildnis als Wüste, als Durststrecke, als Reinigung.

Sie hört die Geschichte der Afar aus den Mündern der Kameltreiber, sie singt mit ihnen, um die Dromedare bei Laune zu halten, sie lauscht den Liebesgedichten und Ehegeschichten. Sie erfährt, woher das Salz kommt und wie Dromedare die Strapazen der Strecke überleben. Sie wird zur Masseuse der Truppe, bekommt den Afar Namen Idy (Licht) und zum 25. Geburtstag fünf Liter Wasser zum Waschen geschenkt. Als die Hitze und der Durst sie mit aller Gewalt treffen, fantasiert sie über Fontänen von Seven-Up, Schwimmbäder voll kaltem Bier, Berge mit Vanilleeis und die Obstauslage ihres Supermarkts in Frankreich. Für den Saft einer Pampelmuse würde sie ein Jahr ihres Lebens geben. Sie reißt ihr T-Shirt in Streifen, in einem Zustand, in dem Scham und Nacktheit keine Rolle mehr spielen.

Sie schämt sich ihrer Schwäche, ist sie doch besessen davon, den traditionellen Ablauf einer Karawane nicht zu stören. Die Männer reagieren - seit ihrer Kindheit daran gewöhnt, mit Schmerz umzugehen, Leiden zu verinnerlichen, Widerstand zu leisten - freundlich. "Du kannst stolz und glücklich sein", sagt einer. "Bei uns ist die Karawane eine Initiation, eine Reinigung. Andernfalls würde ein Mann nie eine Frau bekommen, wenn er diese Verwandlung nicht durchlebt hätte." Ein anderer sagt: "Nach dieser Karawane wirst du dich in Paris schwer zurechtfinden. Deine Füße sind dort zu beengt. Aber das ist gut, das zwingt dich dazu wiederzukommen."

Die Journalistin ist zerrissen zwischen ihrem Anspruch, magazintaugliches Material zu produzieren, und dem Überlebenskampf in der sengend heißen Wüste. Geh´ im Gleichschritt mit den Dromedaren, sonst schaffst du es nicht, sagen ihr die Männer, wenn sie vor- und zurückrennt, um Bilder zu machen. Am Ende spielt es keine Rolle, ob die Fotos gut genug sind. Ihr Text ist ein einzigartiges Zeugnis einer aussterbenden Lebensart und ihrer mündlichen Überlieferung, obwohl er offenbar nie in einem westlichen Medium erschienen ist. Sie endet ihren Bericht: "In dieser brutalen und einfachen Welt, in dieser bis zum Extrem harten und rauen Weite habe ich das Leben entdeckt."

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