· 

China: Eiswüste im Land der Kasachen

Li Juan: Winter Pasture. One woman´  s Journey with China´  s Kazakh Herders. Originaltitel: Dong Mu Chang (New Star Press, Thingkingdom Media Group, 2012), ins Englische übersetzt von Jack Hargreaves und Yan Yan, Astra House, 2021

Unter welchen Voraussetzungen entsteht ein Buch über die letzten kasachischen Hirten in China, die inzwischen in Siedlungen, oder gar Umerziehungslager gezwungen wurden? Li Juans Bericht kommt aus einer anderen Welt. Ihre Beschreibung der Winterweiden in der Eiswüste muss der absoluten Abwesenheit von Vorstellungsvermögen standhalten.


Kurzbiographie

<<  I am suspicous for four main reasons: one, I´ m unmarried; two, I don´ t have a job; three, I don´ t visit our neighbbors much; four, I´ m not what they would consider "proper".  >>  Seite 4

Li Juans englischer Wikipedia Eintrag ist ungefähr acht Zeilen lang und wiederholt im Wesentlichen, was auf dem Buchrücken steht. Sie wurde 1979 in der Xinjiang-Region geboren, wo sie auch heute lebt. Ihre Mutter führte einen kleinen Laden in einer Stadt, wo die Nomaden einkauften. Später arbeitete sie in einer Fabrik und im öffentlichen Dienst, bevor sie sich hauptberuflich auf ihre Arbeit als Schriftstellerin und Kolumnististin konzentrierte. Sie wurde für ihre Essays berühmt, die zu den besten ihrer Generation zählen und gewann mehrere Preise. Viele Geschichten drehen sich um das Leben der Nomaden in der Altai-Gebirgsregion, die in der Provinz Xinjiang (auf deutsch: Autonome Region der uigurischen Nationalität) liegt. Li Juan begleitete die kasachischen Bauern im letzten Jahr ihrer Wanderung. Es war bereits bekannt, dass sie nach dem Willen der Regierung im Jahr darauf in feste Siedlungen ziehen würden - offiziell, um die Überweidung der Steppen zu stoppen und sie für Touristen attraktiv zu halten.

Oh Mutter

<<  But this winter, I decided to embark on an adventure truly worthy of an author - I would follow the migrating herds deep into the desert south of the Ulungur while observing and noting every last detail of nomadic life in the dark and silent winter.  >> S. 4

Ich muss dieses Buch ganz langsam lesen, um zu verstehen. Zuerst lerne ich die politische Komponente kennen, denn die Kazachen dürfen nicht mehr wandern. Das Jahr, in dem Li Juan mit ihnen wandert, wird das letzte sein, in dem sie zu den Winterweiden ziehen. Wegen angeblicher Überweidung werden sie in Siedlungen gezwungen. Das schreiben die beiden Übersetzer, einer aus London, einer aus New York, im Vorwort. Noch habe ich mir keine Bilder der Landschaft angesehen, oder der Menschen dort, denn ich will Schritt für Schritt verstehen. Daher beginne ich mit dem Text. Das ist schwer genug, denn nature writing ist eine Angelegenheit, in der viele Fachbegriffe verwendet werden. Und jetzt sind es noch dazu Fachbegriffe aus dem Nomandenleben, Jurten, Einrichtung, Essen, Kleider; Tiere und die dazu gehörigen Gerätschaften, und die Landschaft natürlich, eine Wüste, die ich noch nie gesehen habe und dazu Temperaturen, die in kurzer Zeit alles gefrieren lassen. So viel habe ich verstanden.

Daher notiere ich nun erst einmal, was mir neu vorkommt. Erstmals in all den Büchern, die ich bisher als Naturerkundungen gelesen habe, kommt eine Mutter vor; noch dazu eine ziemlich aktive Mutter, die sich in das Leben ihrer Tochter einmischt; die mit den Nachbarn über ihr Leben tratscht; die sie zur Schriftstellerin ernennt; die ihre Reise organisiert. Einen Laden zu besitzen, bedeutet in der sozialistischen Magelwirtschaft, sollte dieser Begriff auch auf China im Jahr 2012 zutreffen, Macht. Und diese Macht setzt Lis Mutter offensichtlich selbstbewusst ein.

Gemeinsam mit der Mutter lernen wir auch Lis soziales Umfeld kennen. Sie ist ein komischer Vogel, verdächtig sogar, weil sie nicht verheiratet ist, die Nachbarn nicht besucht, keine Arbeit hat, und irgendwie nicht "sauber" ist. Im Klappentext heißt es, sie habe ihre schriftstellerische Karriere mit 20 als Kolumnistin begonnen. Aber nun ist sie über 30, und sich nicht sicher, ob sie überhaupt in die Kategorie "writer" passt. Ihre Mutter erledigt die Identitätssuche für sie. Nichtsdedotrotz hat Li Erwartungen, ziemlich viele sogar, und ziemlich unrealistische, wie das Abenteuer stattfinden soll. Zwölf Tage soll die Reise in die Wüste zu Pferd dauern, mindestens 250 Meilen entfernt, und einen ganzen Winter lang wird sie im Lager bleiben. Am Ende sind es drei Tage, die sie eingepackt wie ein Marsmännchen zu Pferd verbringt, ausgestattet mit einem Thermometer um die Temperatur zu messen, das allerdings nur bis zu 0,5 Grad (-18 Grad Celsius) anzeigt, die irgendwie nie erreicht werden, obwohl Wasser, Nahrungsmittel, Kleider in Windeseile gefrieren.

Schon auf den ersten Seiten finden sich Hinweise auf den politischen Konflikt rund um die kasachischen und uigurischen Minderheiten nahe der Mongolei: 18 Meilen vom Ulungur Fluss entfernt richtet die Regierung ein neues Hirtendorf mit dem Namen "Humuzhila" ein. Diese Geschichte fließt in die Vorbereitungen zur Reise ein, weil Li scherzhaft als stellvertretende Dorfbürgermeisterin ernannt werden soll. Tatsächlich ist es ein weiterer Schritt entlang der kommunistischen Ideologie, den kasachischen Hirten ihre Identität zu nehmen; 2019 werden dann die ersten Meldungen über Umerziehungslager für Kasachen und Uiguren im Westen publik.

Um das Thermometer zu bekommen, muss Li die Halbmillionen-Stadt Altay und den Landkreis Koktokay absuchen. Ein weiteres Indiz für die politische Lage und ihre Auswirkungen auf die Menschen. Zieht sich Li deswegen im ersten Kapitel immer wieder ins Lächerliche zu ziehen? Macht sie sich, so sympatisch der Humor auf eigenen Kosten ist, klein, um harmlos zu wirken?

Niemandsland

<<  The winter pasture isn´t a particular place. It´s the name of all the land used by the nomads during the winter, streching south uninterrupted from the vast rocky desert south of the Ulungur river all the way to the northern desert boundary of the Heavenly Mountains (also known as the Tian Shan Mountains)  >>  Seite 5

Jetzt schaue ich doch auf die Karten; und brauche viele Anläufe, um überhaupt etwas zu finden. Der Ulungur Fluss entspringt im Autonomen Uiguren Gebiet, lerne ich auf der deutschen Wikipedia Seite. Eine Karte finde ich unter diesem Stichwort nicht, bzw. eine Karte schon, aber keinen Fluss, nur zwei Seen, die bei wenig Zufluss getrennt voneinander sind, sowie die Städte Altay und Altai. Gibt es den Ulungur Fluss nicht mehr? Dafür kann man mit der Satellitenstelle die Region ziemlich genau betrachten, die auf südöstlichen Seite in die Wüste Gobi übergeht. Die Region, die Li beschreibt, ist ein großer, leerer hellgelber Fleck. Sie muss tausende Kilometer umfassen. Ich widerstehe dem Impuls, es über den Routenplaner auszurechnen.

Am ersten Tag liegt nach einer letzten Erhebung mit einem Schlag die Ebene vor den Reitern: "...öffnete sich die Welt vor uns zu einer Ebene, die flach genug war, um durch sie zu galoppieren. Die Erde war blass und grenzenlos, aber der Himmel war dunkel wie Metall - schwer, glänzend und hart. Zwischen Himmel und Erde existierte nichts anderes. Gegenüber unserer Welt gab es eine andere Welt, eine Welt jenseits des Vorhangs am Rande der Welt, eine scheinbar undurchdringliche Welt. Doch langsam und lautlos überquerten wir die Grenze in diese Welt." (Seite 29)

(..."the world before us opened up to a plain that was flat enough to gallop through. The earth was pale and boundless, but the sky was dark as metal - heavy, lustrous and hard. Nothing else existed between heaven and earth. There was another world across from our world, one beyond the curtain at the world´s edge, a seemingly impenetrable world. Yet, slowly and silently we crossed into it."

Buschland wechselt in etwas tiefer gelegene, trockene Salzseen. In dieser Landschaft ohne Hürden, fanden die Pferde ihren Weg allein, bald verschwamm das Zeitgefühl, und nur noch "die Schatten, die schrittweise zu uns zurückkehrten, um sich dann an uns vorbeizuschieben und in den Nordosten zu wechseln", zeigten die vorgerückte Tageszeit an. "Als die Umgebung anfing, so auszusehen wie die Salzebene am Tag zuvor, hatte ich das Gefühl zu halluzinieren."  (Seite 17)

Die Nomaden beginnen um drei Uhr morgens den Tag, wenn der Nachthimmel noch voller Sterne und der Halbmond im Osten steht. Wahrend die Welt im Mondlicht wie ein Traum erscheint, wird sie mit dem Sonnenaufgang wirklich. Goldenen Sanddünen umgeben die Reiter nun in jeder Himmelsrichtung.

Die Musik der Kasachen

<<  His excitement infected Kama, whose work around the camp grew into a frenzy as her voice quietly accompanied his song.

Though both are the music of nomadic peoples that ring across the steppes, Kazahk music is different from the music of the Mongols, who we are more familiar with.  >>  Seite 14

Eine Kultur geht verloren. Mit der erzwungenen Sesshaftigkeit sterben Lieder, Kunsthandwerk, eine eigene Art zu leben; die Kultur der Nomaden bestand, wie es im Vorwort heißt, über Jahrtausende. Typische Teppiche, Nahrungsmittel, Wandbehänge, die im chinesischen Original nur mit allgemeinen Begriffen auf Madarin beschrieben werden, wurden in der Übersetzung wieder mit den kasachischen Bezeichnungen ergänzt. Wir lernen, dass kurt ein extrem harter Käse aus gekochter Joghurt ist, auf dem man tagelang kauen oder ihn immer wieder in Tee aufweichen kann. Tus-kiiz sind Wandbehänge aus Baumwolle und syrmak sind bestickte Teppiche. Die provisorischen Unterkünfte werden mit Blöcken aus getrocknetem Schafdung gebaut und die Mahlzeiten bestehen Getreidebrei, der in einer Fleischbrühe angerührt wird und köstlichen Fleischeintöpfen mit Stücken vom Hammelfleisch. Der Tee, alleiniges Getränk in unzähligen "Runden", wird mit schwarzem Pfeffer und Knoblauch gewürzt. Der lange Winter und das unfruchtbare Land hatten eine Lebensart hervorgebracht, die nur in der Wanderung von einer Weide zur nächsten bestehen konnte. Der Rhythmus der Natur fordert unbedingten Gehorsam ein, so dass die Hirten in der offenen Fläche zwischen dem Altai-Gebirge und den Heavenly Mountains fast 600 Meilen im Jahr zurücklegten, um in der kargen Steppe neue Weideflächen zu finden.

In der enormen einsamen Weite des Landes, wo kein Laut außer dem eigenen Atem die Stille durchbricht, bleibt nur das Singen: "Singen, um die eigene Gegenwart auszuweiten. Singen, um die gewaltige Stille mit der Stimme zu besetzen." (Seite 34)

Chinas Politik

<<  Those who migrated the most frequently, did so on average every four days. The Cuma family´s (mit der Li wandert, Anm. d. Autorin), winter pasture wasn´t far from their summer pasture, so they travelled little by comparison. Still, I calculated that on average they had to pack up their home every twenty days - such is their unforgiving life; such are their lonely, implacable hearts.  >>  Seite 20

Von den einsamen, unerbittlichen Herzen ist es nicht mehr lang, bis die Politik beginnt - genau gesagt auf Seite 30 von 302. Zunächst erhält Cuma das Wort, der Chef der Nomadenfamilie, mit der Li reist. Für die Touristen soll der Kanas, der berühmteste Nationalpark im Altai-Gebirge schön gemacht werden. Nur noch wilde Pferde dürfen dann weiden, damit das Gras wieder wächst. Bei aller Distanz zur chinesischen Minderheiten-Politik - wie bekannt klingt das!? Buschland ist schlecht, Trockengrassteppen sind gut. Und damit das Buschland nicht wächst, werden Pferde ausgewildert. Die Naturschutzpolitik ist in vielen Teilen der Erde gleich. Selten wird dabei auf Nomaden und Bauern Rücksicht genommen. Überweidung, illegales Jagen, intensive Bewirtschaftung haben die ursprüngliche Bevölkerung an vielen Orten der Welt vertreiben.

Doch schon wird Li zum Sprachrohr der Regierung. Sie nennt den Fachbegriff des Programms "Grassland Restoration" als den wahren Grund statt der Erklärung, die vermutlich auf irgendeinem Propaganda-Treffen der Grasswurzel-Bewegung entstanden sei. Die "Grassland-Restoration"-Politik ziele darauf ab, das Land zu unterteilen und abwechselnd zu bewirtschaften. Ob das für die Nomaden Konsequenzen hat, bleibt offen.

Doch auf den nächsten Seiten erfahren wir mehr über die Konsequenzen: Schon muss sich Cumas Familie das Weideland mit einer Familie teilen, deren Weiden gesperrt wurden, auf den Grasflächenweideten nun noch mehr Schafe (Li nennt die Zahl: mehr als 200 Schafe, und 30 Stück Vieh). Weitere Anteilseigner mischten sich ein; Lis Fazit: "Ich war immer noch besorgt über die prekären Verhältnisse im Leben der Hirten und ihrer Weiden."

Verkehrte Welt

<<  The reality, however is more one of desolation, loneliness, and helplessness. (...) In spring, the herders follow the melting snow northward, and come autumn, they are driven back to the south. They are forever departing, forever saying goodbye.  >>  Seite 31

Mit einem Schlag ist es vorbei mit dem Sternenhimmel, den endlosen Dünen, den Einrichtungsgegenständen und Fleischtöpfen. Wieder gibt es einen Dialog: Ein Händler erklärt, dass in spätestens zwei Jahren die Nomaden ein Ding der Vergangenheit wären. Li ist schockiert: So bald? Der Händler: Haben die Kasachen für dich noch nicht genug gelitten? Li schweigt. Sie befürchtet, dass das Ende dieser uralten Tradition die Seelen der Nomaden traumatisieren könnte. Doch dann erkennt sie: Das ist eine dumme Frage. Natürlich ist die Sesshaftigkeit gut! Wer sehnt sich nicht nach einem stabilen Leben in Komfort und Bequemlichkeit?

 

Was für eine Wendung um 180 Grad. Schon scheint die Utopie auf: das Land werde in seiner Weite auf ewig weiterbestehen, die Wildnis bleibe zurück, und die Ufer des Ulungur würden mit chemischem Dünger fruchtbar gemacht. Am Schluss die rhetorische Frage: Gibt es eine bessere Wahl?

Und schon wird die tägliche Plackerei, um Wasser aus Schnee herzustellen, unerträglich und abstoßend. Denn selten ist die Schneedecke ausreichend, um den reinen Schnee abzuschöpfen. Meist werden die Fäkalien der Schafe und Kamele mit hineingeschaufelt. Die Frauen schleppen so schwere Säcke aus immer weiterer Entfernung heran, dass Li die Sterne vor den Augen tanzen. Spülwasser wird für die Tiere und zum Bauen wiederverwendet, einhalbes Becken muss zum Waschen von Händen und Gesicht für vier Personen reichen.

Schon bald wird das ungewaschene Haar steif, Kleider werden ohnehin nie gewaschen und Li reibt sich an einem Pfosten wie die Tiere, wenn ihre Haut juckt.

Alltag

<<  The fact that people feel "happiness" isn´t because life is comfortable, but because life is hopeful.  >>

Auf Seite 111 ist alle Aufregung verschwunden, alle Politik, Zukunft und Vergangenheit. Das Leben gleitet dahin wie ein langer, träger Fluss. Die Kälte geht in Schneefall über, der Schneefall in Dürre. Es wird Dezember, Januar, Februar, aber im Leben der Hirten ändert sich wenig. Cuma treibt tagsüber die Herden zu den Weiden, die Frauen kümmern sich um Kälber, den Haushalt und die Dekoration. Einige Stunden am Tag gehen für Näharbeiten drauf, mit denen Stoffe verziert werden. Die Wintersaison beginnt mit der Schlachtung, denn das "duftende Fleich ist der größte Trost in einem Leben in Kargheit." Li hilft den Nachbarn, sie versteht sich mit "sister-in-law", die ist gerührt von den liebevollen Momenten zwischen dem Ehepaar und der Ausgeglichenheit der Frauen.

die nächste Generation

Aber schon schiebt sich die Politik wieder dazwischen. Kama, die Tochter, muss den Eltern helfen, weil alle drei anderen Geschwister zur Schule gehen. Sie ist klug, aber darf die Schule nicht weiter besuchen. Sie ist jung, aber kann sich nicht verlieben. Sie ist kreativ, aber zu schüchtern, um sich zu artikulieren. Für die Eltern ist es kein Problem, dass die Tochter sich opfert, damit die Herden gehütet werden. Doch Li sieht das eindeutig anders. Dann aber verlässt Cama ohnehin die Winterweiden. Sie muss sich um die Großmutter kümmern, die krank geworden ist.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0