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Albanien: Heimat der Heimatlosen

(Mary) Edith Durham: High Albania. Deutsche Übersetzung: Brot, Salz und unsere Herzen (Edward Arnold, London, 1909, neu bei UPenn Digital Library), deutsche Ausgabe übersetzt von Christel Dormagen, herausgegeben von Susanne Gretter, Edition Erdmann, 2020

Nachts habe ich das Kapitel über Prizren angefangen. Es ist das interessanteste für mich, soll doch mein Großvater aus Prizren stammen. Er wuchs dort ungefähr in den Jahren auf, als Edith Durham "die Stadt ihrer Träume" besuchte.


Kurzbiographie

<<  I cursed the Berlin Treaty, which did not award to this people the truly Serb lands of Bosnia and the Herzegovina, where they could have gathered their scattered forces and developed, but gave them to be crushed under Austria.  >>  Seite 320 - 325

Den relativ kurzen Text, den ich auf Wikipedia zu Edith Durham finde, passt zu der Geschichte des Buches. Sie wurde 1863 als Tochter eines bekannten Chirurgen geboren, besuchte ein College und die Kunstakademie. Dann ähnelt ihre Geschichte der von Dervla Murphy. Sieben Jahre lang pflegt sie ihre alleinstehende kranke Mutter, bis der Arzt einen Aufenthalt in Montenegro empfiehlt. Ihre Reisen durch Albanien beginnen zunächst unter gesundheitlichen Aspekten, und dauern 20 Jahre an. Sie ist anerkannt als Fellow des Royal Anthropological Institute, gerät dann aber in politischen Debatten und Polemiken, weil sie einen unabhängigen albanischen Staat anstelle Yugoslawiens unterstützt. Von den Albanern erhält sie den Beinamen: Königin der Hochländer, und König Zog würdigte sie nach ihrem Tod 1944: "Sie gab ihr Herz und bekam das Ohr der Bergbewohner." 2004 wurde sie von Präsident Alfred Moisiu als "one of the most distinguished personalities of the Albanian world during the last century" beschrieben. In Albanien war sie in der Tradition der unverheirateten "Mannfrauen" akzeptiert, in England trug ihr das gehässige Bemerkunen unter der Gürtellinie ein. Zwei besonders abwertende Zitate sind auf Wikipedia belegt. Rebecca West schrieb, Edith Durham sei die Art Reisender, "who came back with a pet Balkan people established in their hearts as suffering and innocent, eternally the massacree and never the massacrer." R.W. Seton-Watson stellte fest: "The fact is that while always denouncing 'Balkan mentality', she is herself exactly what she means by the word." Mit Rebecca West stritt sich Durham schließlich sogar vor Gericht.

Ihr Buch geriet in Vergessenheit. Der Text war offensichtlich vergriffen, als er von der Intitiative BUILD-A-BOOK / A Celebration of Women Writers wieder ins Leben gerufen wurde. An der Edition waren eine ganze Reihe Frauen beteiligt: Anne Kosvanec, Elizabeth Cowell, Henry Passenger, Jessie Hudgins, Jim Fritzler, Joe Johnson, Judith Welch, Karin Armstrong, Kelly Hurt, Lisa Bartle, Marie Butler-Aerts, Michelle D. Martinez, Natasha Gapinski, Shawna Pezzuolo, Simone Fluter, Valerie E. Rowe, Velvet Van Bueren, Washington Irving, and Mary Mark Ockerbloom. Online ist er jetzt umsonst in der digital libraray der University of Pennsylvania abrufbar, über die näheren Umstände seiner Widerentdeckung und Bearbeitung ist dort allerdings nichts bekannt.

Zwei von ihnen, Anne Kosvanec und Jessie Hudgins widmen das Buch "Margaret Kosvanec, 1904-1999" und "With a little love and a little work... for my grandchildren." Mary Mark Ockerbloom hat es überarbeitet.

100 Jahre wie ein Wimpernschlag

<<  The real policy of Serb and Albanian should be to unite, and keep the foreign intruders from the Balkan Peninsula. But this will never be.  >>  Seite 320 - 325

Das Buch beginnt klassisch, mit einem historischen Rückblick, der umso beeindruckender ist, als es wahrscheinlich kaum Quellen dazu gab. Gerade aus diesem Grund wären jedoch Quellenangaben recht erleuchtend gewesen. Noch reist Durham von Dorf zu Dorf, unterscheidet besonders nach religiöser Zugehörigkeit und Gastfreundschaft. Eine Innensicht auf die Beweggründe für die Reise gibt es nicht, leider wird die Natur noch recht wenig beschrieben.

Edith Durham stellt sich selbst völlig zurück, um stattdessen in allen Details die Sitten und Feste der Menschen in Albanien zu beschreiben. Ich habe das zweite Kapitel übersprungen, das den Kanun, das albanische Gesetz, beschreibt. Aber auch das darauffolgende Kapitel - mit den Ortsnamen KASTRATI, SKRELI, GRUDA und HOTI überschrieben - widmet sich kaum jemals der Landschaft oder Natur, sondern nur den Menschen. Wer ist Albaner, wer Slawe, wer Christ, wer Moslem, wer gehört zu welchem Stamm und liegt mit wem in Blutfehde? Interessant ist es trotzdem, da ich möglicherweise die eigene Geschichte meiner Vorfahren kennenlerne. Wenn Trachten beschrieben werden, frage ich mich, ob sie denen ähneln, die meine Großmutter mir mitgebracht hat. Ich hielt sie immer für ein buntes Gewand aus einem fremden Land. Dabei geben die Kleidungsstücke am Ende möglicherweise über meinen eigenen "Clan" Auskunft. In ähnlicher Weise kann ich Ediths Beobachtungen über die Katholiken auf mich beziehen. Die Nordalbaner blieben Anhänger der weströmischen Tradition. Sie wurden nie orthodox, ja betrachteten Griechen, Serben oder Bulgaren als wankelmütige Verräter. Die Insignien des Halbmonds sind bei ihnen möglichweiser viel älter als der muslimische Einfluss, ebenso wie die Kopfbedeckung bei Männer und Frauen.

Wieder ist es spät am Abend, als ich die nächsten Seiten überfliege. Edith Durham bleibt bei den Themen Kanun, Gastfreundschaft, Stellung der Frau. Frauen gelten als Besitz, sie werden schon zur Geburt verkauft und treffen keine eigenen verantwortungsvollen Entscheidungen. Läuft etwas gegen das Gesetz, sind allerdings auch die Männer schuld und müssen mit der Blutrache büßen. Weitere Gewohnheiten werden beschrieben, z.B. dass erst nach Sonnenuntergang gegessen wird (und vor Sonnenaufgang?), und im Sommer alle nur ein paar Stunden schlafen.

Erstmals beschreibt Durham die Mühen der Wildnis, einen Paragrafen lang klettern ihr Begleiter und sie eine felsige Steilwand in der größten Hitze hinauf und bekommen einen Sonnenstich. Blindschleichen werden beschrieben und Schildkröten, die Katholiken essen und Orthodoxe nicht. Trotzdem liegt das Gewicht thematisch auf den Menschen, mit Mühe lässt sich die Geografie nachvollziehen. Der Ort, den sie erreichen, heißt Gruda und ist im Gebiet des Clans Berisha, dem wahrscheinlich ältesten in Albanien. Berisha war erster Präsident Albaniens. Mein Vater traf ihn und war sehr stolz darauf. Nun verstehe ich ein bisschen mehr warum. Eine Bekannte meines Cousins George (der Name fällt mir gerade nicht ein) ist eine Freundin der Tochter Berishas. Das ist der Adel Albaniens.

Edith Durham: Albanien am Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Stadt meines Großvaters

<<  Prizren is a large town, and highly picturesque. It lies both sides of the Prizrenski Bistritza (a tributary of the Drin), and sprawls up the mountain-side, from which spirt and gush numberless streams of clear, cold water.  >>  Seite 268 - 288

Nachts habe ich das Kapitel über Prizren angefangen. Es ist das interessanteste für mich, soll doch mein Großvater aus Prizren stammen. Er muss dort ungefähr in den Jahren aufgewachsen sein, als Edith Durham "die Stadt ihrer Träume" besuchte. 1909 erschien ihr Bericht High Albania. Mein Vater wurde als ältester Sohn 1929 geboren, vielleicht war mein Großvater da um die 25 Jahre alt. Das heißt, er wäre 1904 geboren. Über meinen Großvater weiß ich nicht viel, außer daß er als Waisenkind in einem Kloster aufgewachsen ist. Später soll er in Wien studiert haben, allerdings wurde sein Name auf keiner der Listen albanischer Studenten gefunden.

Edith Durham ritt entlang der Drin nach Prizren - dem gleichen Fluss, dem auch ich von Shkoder aus Richtung Kosovo folgte. Prizren sei eine große Stadt, schrieb sie, und sehr malerisch. Während sie davon ausging, dass bis zu 35000 muslimische Albaner (zehn pro gezähltem Haushalt) in der Stadt leben, gab es nur 180 katholische Haushalte. Zu Durhams Zeit waren die Türken offensichtlich noch an der Macht, aber schon regierungsmüde. Ein österreichsicher Konsul bemühte sich zu dieser Zeit in Prizren bereits um mehr Einfluss für die Habsburger, die nach der albanischen Unabhängigkeit 1912 viele Schulen einrichteten.

Prizren, schreibt sie, war früher berühmt für Gold- und Silberschmiedekunst, die von den Christen ausgeübt wurde. Auf einem großen Markt wurde alles mögliche Kunsthandwerk feilgeboten. Auf dem Amselfeld, unbebaut und trist, beginnen in Lipanj die Schienen, die bis nach Tessaloniki führen.

Die Eisenbahnlinie, die damals durch Serbien nach Griechenland gebaut wurde, schnitt ganz Nordalbanien vom Handel ab. Mein Großvater war im Auftrag der Habsburger daran beteiligt.

<<  We descended the valley, rich with beech forests on either side, to Stimlje, a very large village, whence the main road leads to Ferizovich and the railway. There spread out, burnt, and parched before us for miles and miles, was Kosovo-polje, the fatal field on which the Turks gained the victory that established them, even to this day, in Europe–the Armageddon of the Servian people.

"Kosovo-polje," said the Serb briefly. It summed up all the fate of his race. In the spring every year, he added, all the unploughed land is covered with blood-red flowers that grow in memory of the fight; they are sent by God.  >>

Der Epilog ist so kurz wie der Anfang. Ich habe mir mehr Aufschluss über die Umstände der Reise, über die Motivationen der Autorin (Tochter des Leibarztes der Königin Victoria) gewünscht, aber es sind nur ein paar politische Sätze, die voraussehen, dass die Turbulenzen auf dem Balkan noch nicht zu Ende sind. Einige Kapitel habe ich übersprungen, vieles nur oberflächlich gelesen, weil sich die Auflistungen welches Dorf muslimisch, wer Slave, wer christlicher Albaner sei, wiederholen. Es ist zudem fast unmöglich in Ruhe zu schreiben, solange ich in der Ferien bin. Immer sieht mir jemand über die Schulter, will mich fotografieren oder sich mit mir unterhalten. Ein bisschen mehr Rücksicht bitte!

Edith Durham hat die Wiederauflage ihres Textes - auf Englisch umsonst im Internet - der Initiatve Build-a-book zu verdanken, die Schriftstellerinnen "feiern". Etwa zehn Personen haben daran gearbeitet, zwei davon widmen das Buch anderen Frauen. Selbst über google finde ich nicht mehr über die Herausgeberinnen und Autorinnen heraus. Inzwischen ist in der Reihe "Kühne Frauen" eine Übersetzung des Buches erschienen, wahrscheinlich lizenzfrei. Ihr Wikipedia-Eintrag ist kurz, dort ist von einer Kontroverse die Rede, weil sie wohl zunächst pro-serbische Seite bezogen habe. Davon ist in dem Buch nichts zu merken. Mit Rebecca West hat sie sich gestritten, sogar vor Gericht. Sie ist 1909 eindeutig pro-albanisch, pro-christlich (katholisch). Ihre Schreibweise unterscheidet sich kaum von anderen (Expeditions)-Berichten ihrer Zeit, einige Sätze erinnern sogar wortwörtlich an andere Einleitungen, z.B. wenn sie das Gefühl der Erleichterung am Anfang der Reise beschreibt. Sie muss hart im Nehmen gewesen sein, nie ein Wort der Klage über Essen oder die Unbequemlichkeit ihrer Quartiere. Die Art der Fortbewegung, Gepäck, eigenes Wohlbefinden u.ä. bleiben oft im Dunkeln. Ihr Gesicht wirkt auf Fotos herb, männlich, aber vielleicht wurde auch nur ein entsprechendes Bild ausgewählt. Sie hat nie geheiratet und wurde laut Wikipedia in der albanischen Tradition der burrneshas (Frauen in Männerkleidern, die unverheiratet bleiben) schützend behandelt. In Albanien wurde sie wegen ihren pro-albanischen politischen Engagements bis in die 2000er Jahre geehrt. Ihr Buch hat deutliche, und in meiner Sicht hellseherische politische Intentionen, besonders über die Zukunft des Kosovo. 1908/09 schienen sich mit der nicht näher benannten "Verfassung" (die sie oft zitiert) die politischen Turbulenzen auf dem Balkan bereits anzukündigen, die zum 1. Weltkrieg führten. Sie sah voraus, dass die Serben, die alle Großmächte damals nur als Spielball sehen, der Region über 100 Jahre lang bis zum Krieg 1998 Unglück bringen. Die Diplomaten, schreibt sie zynisch, wurden mit türkischen Soldaten eskortiert, die genau darüber wachten, dass sie nichts Wichtiges erfuhren. Mit ihr als Frau, sprachen alle offen.

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